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Von Wittenberg nach Woodstock

Plakat "Von Wittenberg nach Woodstock"

In alten Chroniken ist überliefert, dass im Jahre 1532 eine reformatorisch gesonnene Gemeinde in Schweinfurt mit dem bekanntesten Lied von Martin Luther „Ein feste Burg ist unser Gott“ einen altgläubigen Priester niedersang und dabei nicht eher Ruhe gab, als bis dass dieser entnervt aus der Kirche lief. Was diese `Protestanten` (das Wort `protestari` kommt ursprünglich aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „Zeugnis ablegen“) damals noch nicht ahnen konnten: Sie sollten mit dieser Form der Meinungsäußerung gleichsam zu den Begründern einer ganz neuen Form des Gesangs werden, mit dem man seine Kritik an bestehenden Verhältnissen zum Ausdruck bringen konnte, eben der des `Protestsongs`. Der Streit um den rechten Glauben, wie bei unserem Beispiel aus Schweinfurt, stellte dabei freilich nur eine von vielen Facetten dieser Art von Liedern dar. Denn bald schon sollten ganz andere gesellschaftliche Konflikte bzw. Ärgernisse die Themen dieser Lieder bestimmen. Soziale Ungerechtigkeiten, hohe Steuerbelastungen, staatliche Übergriffe aller Art, inhumane Arbeitsbedingungen, rassistisch motivierte Benachteiligungen einzelner Bevölkerungsgruppen – und nicht zuletzt Krieg, immer wieder Krieg – dies in etwa die Palette der Themen, mit denen sich die Protestsongs in den letzten knapp 450 Jahren seit Martin Luther bis hin zu seinem Namensvetter, dem afroamerikanischen Prediger und Kämpfer für die Gleichberechtigung der Farbigen in den USA Martin Luther King, befassten.

Doch mochten sich die konkreten Anliegen der Lieder im Einzelnen auch sehr verschieden ausnehmen – gemeinsam ist ihnen stets eine einfache, im Regelfall ohne große musikalische Raffinessen auskommende Melodie, verbunden mit einer ebenso eingängigen, häufig geradezu holzschnittartig wirkenden Textzeile im Refrain. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Der Protestsong will nämlich nicht als musikalisches Kunstwerk per se verstanden werden. Seine Funktion besteht vielmehr darin, Solidarität beim Zuhörer zu erzeugen. Will sagen: Jeder, der ein solches Lied zum ersten Mal hört, soll sich unmittelbar angesprochen fühlen, häufig ohne, dass er sich dessen recht bewusst wird, zum Mitsummen der Melodie animiert und schließlich – im besten Falle – sogar zur Eingliederung in den Chor der Protestierenden bewegt werden. Dass solche unmittelbar eingängigen Lieder in der Vergangenheit häufig das Zeug dazu hatten, sich – im wahrsten Sinne der Worte – zu Gassenhauern bzw. Ohrwürmern zu entwickeln, die auch heute noch z. B. am Lagerfeuer gern gesungen werden und somit beinah den Staus von `Volksliedern` erhalten haben, liegt auf der Hand. Allerdings ist dabei der konkrete geschichtliche Kontext, in welchem diese Lieder und Songs einst entstanden sind, den meisten Menschen in unserer Zeit häufig kaum mehr bekannt.

Gerade dies aber, die am heutigen Abend präsentierten Protestsongs des letzten fast halben Jahrtausends erneut ins Bewusstsein zu bringen und sie aus den historischen geschichtlichen Bedingungen ihrer Zeit heraus verständlich zu machen, soll das primäre Anliegen des heutigen Abends sein. In diesem Sinn wünschen wir Ihnen hierfür zunächst möglichst viel Spaß und Freude beim Wiederhören der sicher großenteils bekannten Melodien und Texte und daneben vielleicht – und das wäre ja sicherlich nicht das Schlechteste! – auch ein wenig Erkenntnisgewinn.